In meinen Coachings begegnet mir ein Muster immer wieder: Eine Entscheidung wird verschoben, noch einmal geprüft, an eine weitere Runde delegiert, mit noch mehr Daten unterfüttert. Am Ende steht nicht mehr Klarheit, sondern nur mehr Zeit, die verstrichen ist.

Wenn ich das in Coachings anspreche, kommt selten die Antwort „ich weiß nicht, was ich tun soll“. Die meisten Führungskräfte wissen sehr genau, welche Entscheidung richtig wäre. Was sie zurückhält, ist etwas anderes.

Was wirklich dahintersteckt

Die Angst vor der Fehlentscheidung. Nicht die Entscheidung selbst macht Angst, sondern ihre Wirkung auf andere. Wer ein Team führt, entscheidet nie nur für sich. Eine falsche Weichenstellung kann Arbeit, Motivation, manchmal sogar Arbeitsplätze der eigenen Leute betreffen. Diese Verantwortung ernst zu nehmen ist richtig – sie darf nur nicht zur Lähmung werden.

Die Angst vor der Rüge von oben. Viele Führungskräfte haben früh gelernt: Wer entscheidet, macht sich angreifbar. Läuft etwas schief, wird gefragt, wer das zu verantworten hat – selten, wer es überhaupt versucht hat. In Unternehmen, in denen Fehler sanktioniert statt besprochen werden, ist Zögern die rationalste Strategie. Das Problem liegt dann nicht bei der einzelnen Führungskraft, sondern in der Kultur, die sie geprägt hat.

Der eigene Anspruch, alles perfekt zu machen. Das ist die leiseste der drei Bremsen, und oft die hartnäckigste. Wer sich selbst nur dann Anerkennung gibt, wenn ein Ergebnis fehlerfrei ist, wird jede Entscheidung so lange hinauszögern, bis sie sich „sicher genug“ anfühlt. Nur: Diesen Punkt gibt es in den seltensten Fällen.

Alle drei Muster haben eines gemeinsam: Sie verlagern den Blick von der Sache auf die eigene Person. Nicht mehr „was ist jetzt richtig für das Team, das Projekt, das Unternehmen“, sondern „was passiert mit mir, wenn ich das entscheide“. Genau das ist der Punkt, an dem Führung ins Stocken gerät.

Was passiert, wenn sich jemand traut

Sobald eine Führungskraft den Schritt macht – eine Entscheidung trifft, auch ohne hundertprozentige Sicherheit – verändert sich im Team spürbar etwas. Zunächst wird sichtbar, dass Bewegung überhaupt möglich ist. Anders ausgedrückt: Stillstand demotiviert stärker als jede Fehlentscheidung.

Vor allem aber wirkt diese Führungskraft als Vorbild. Sie zeigt dem Team etwas, das keine Präsentation und kein Leitbild vermitteln kann: Man darf vorangehen, auch ohne alle Antworten zu kennen. Man darf Fehler machen – und daraus lernen, statt sie zu vertuschen. Das ist gelebte psychologische Sicherheit. Nicht das Versprechen „hier passiert dir nichts“, sondern die tägliche Erfahrung: Wenn meine Führungskraft es sich erlaubt, unsicher zu sein und trotzdem zu handeln, darf ich das auch.

Und noch etwas Drittes passiert, das oft unterschätzt wird: Eine Führungskraft, die offen zugibt, nicht immer alles besser zu wissen, öffnet Raum. Wer nicht den Anspruch hat, in jeder Entscheidung recht zu haben, lädt sein Team ein, mitzudenken, zu widersprechen, eigene Vorschläge einzubringen. Genau das führt langfristig zu besseren Entscheidungen als jede noch so perfekte Einzelmeinung von oben.

Entscheidungsfreude ist keine Persönlichkeitseigenschaft

Manche glauben, Entscheidungsfreude sei etwas, das man entweder hat oder nicht hat – eine Frage des Typs. Meine Erfahrung aus der Arbeit mit Führungskräften zeigt etwas anderes. Es ist eine Haltung, die sich entwickeln lässt, sobald man versteht, was einen wirklich zurückhält, und lernt, mit der eigenen Unsicherheit anders umzugehen, statt sie zu verdrängen oder zu überspielen.

Das beginnt oft mit einer einfachen, aber unbequemen Frage: Was ist tatsächlich das Schlimmste, das passieren kann, wenn ich diese Entscheidung treffe – und wie gut könnte ich damit umgehen? In den meisten Fällen ist die ehrliche Antwort deutlich weniger bedrohlich, als das Zögern selbst es sich anfühlt.

Wer als Führungskraft lernt, diesen Schritt zu gehen, verändert nicht nur die eigenen Ergebnisse. Er oder sie verändert die Kultur eines ganzen Teams – von Absicherung hin zu Verantwortung, von Stillstand hin zu Bewegung.


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